PostHeaderIcon Rede zum Gedenktag an die Opfer des Faschismus

Anbei dokumentieren wir die Rede von Deniz Cigdem Sert (BoFo) anlässlich des Gedenktages der VVN-BdA an die Opfer des Faschismus und der ermordeten Widerstandskämpfer am 11.09.2016 in Bochum

“Liebe Freundinnen und Freunde,

im Namen des Bochumer Forum für Antirassismus und Kultur bedanke ich mich zunächst für die Einladung der VVN-BdA, am heutigen Tage hier zu euch sprechen zu dürfen und den diesjährigen Redebeitrag zu übernehmen.

Wir haben uns heute hier versammelt, um auch in diesem Jahr, an diesem 2. Sonntag im September der Opfer des Faschismus zu gedenken. Ich möchte ausdrücklich auf die Wichtigkeit einer politischen Gedenkkultur hinweisen und der VVN-BdA auf diesem Wege nochmals für diesen hartnäckigen und unermüdlichen Einsatz danken. Vielen Dank!

Die politische Gedenkkultur ist deshalb so wichtig, weil uns die Geschichte auch immer wieder zu Achtsamkeit auffordern sollte; denn das Gedenken der Opfer des Faschismus – und so hätten sich die Toten dieses ganz sicher gewünscht, ist gleichzeitig der Beweis dafür, dass ihr Kampf fortgeführt wird. Der Kampf für eine friedliche, menschliche und gerechte Welt! Der Kampf gegen Unterdrückung, Ausgrenzung und Rassismus.

Während wir heute der Opfer des Faschismus gedenken, ist uns allen bewusst, dass rechte Gewalt keineswegs eine historische Angelegenheit ist. Im Gegenteil: Rechte Gewalt, die teilweise tödlich endet für Menschen, ist ein aktuelles, politisches Problem unserer Gesellschaft. Verwiesen sei hier auf die faschistischen Morde des NSU oder die rassistischen Übergriffe auf Flüchtlinge und ihre Unterkünfte. Diese Entwicklungen nicht ernst zunehmen, runter zu spielen oder sogar mit rechtspopulistischer Propaganda zu füttern, ist – gelinde gesagt- verantwortungslos und brandgefährlich. Es ist zudem heuchlerisch, so zu tun, als habe die etablierte Politik es nicht zu verantworten, dass sogenannte besorgte Bürger die rechte Propaganda von Rechtspopulisten mit solchen Wahlerfolgen belohnen, wie jüngst in Mecklenburg-Vorpommern geschehen. Denn die etablierte Politik war es, die immer wieder vor Flüchtlingen, vor sogenannten Flüchtlingswellen warnte und nicht zuletzt durch die Medien bewusst und verantwortungslos ein Massenbewusstsein, und zwar ein rechtes Massenbewusstsein erst geschaffen hat. Stellen wir uns doch einmal vor, es wäre nie über sogenannte Flüchtlingswellen berichtet worden, sondern von einer selbstverständlichen Aufnahme von Menschen, die flüchten, weil ihnen die Lebensgrundlage in ihren Ländern entzogen wurde, und zwar unter der Mitwirkung des Westens, dann hätte der Rechtspopulismus möglicherweise nicht erst eine derartige, relevante Einflussmöglichkeit erlangt. Wenn in diesem Land Politik und Medien sexualisierte, männliche Gewalt an Frauen, wie in der Silvesternacht in Köln geschehen, nicht als solche bezeichnen, sondern diese für eine rechtspopulistische Debatte instrumentalisieren, indem sie das Recht auf Asyl, Flucht und die Aufnahme von geflüchteten und schutzsuchenden Menschen in Frage stellen, dann darf man sich nicht darüber wundern, dass der Rechtspopulismus und nationalistische Ideologien einen Nährboden in unserer Gesellschaft finden.

Gedenkveranstaltungen sind, wie bereits gesagt, wichtig und unerlässlicher Teil politischer Kultur; sie sind zugleich auch in gewisser Hinsicht wegweisend, ja vielleicht ein Kompass. Denn alle, die heute hier sind und in welcher Weise auch immer, für eine bessere Welt kämpfen oder aber zumindest von einer solchen zu träumen fähig sind, übernehmen ein Stück weit Verantwortung dafür, dass politische Ereignisse richtig beurteilt und nicht rechtspopulistisch instrumentalisiert werden.

Wir übernehmen Verantwortung dafür, dass die Wahrheit nicht zuerst stirbt. Zur Wahrheit gehört eben, dass es keine Flucht ohne Fluchtursachen gibt. Es sind die Kriege und Umweltzerstörungen, an denen viele Industrienationen beteiligt sind, die diese Menschen zur Flucht zwingen. Dies zu erkennen und anzuprangern gehört zum Traum von einer besseren Welt dazu.

Zur Wahrheit gehört eben auch, Rassismus stets beim Namen zu nennen. Wenn Rassismus nicht als solcher bezeichnet wird, sondern eine Kultur des „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ sich immer breiter macht und fast schon der Norm entspricht, dann dürfen wir uns über die Ergebnisse der Mitte-Studie nicht mehr wundern; dann dürfen wir uns nicht mehr darüber wundern, dass sich der Rassismus in der Mitte der Gesellschaft immer fester verankert hat.

Rassismuskritik und Willkommenskultur sind nur ein Teil des Kampfes für eine bessere Welt; die Bekämpfung der Ursachen für Rassismus, für rassistische, nationalistische und völkische Ideologien ist der andere Teil des Kampfes für eine menschliche und gerechte Welt ohne Kriege und Ausgrenzung. Denn Rassismus ist eine soziale Frage. All zu gerne schüren rechte Ideologen rassistische Ressentiments, indem sie sozioökonomische Verhältnisse ethnisieren und kulturalisieren und hierdurch von der eigentlichen Frage, nämlich der sozialen Frage, ablenken. Denn die Antwort auf die soziale Frage ist keineswegs eine rechte, völkisch-nationalistische Ideologie; wie wir aus der Geschichte gelernt haben.

Wenn ich hier immer wieder vom Kampf für eine bessere Welt gesprochen habe, dann deshalb, weil ich den heutigen Gedenktag nicht nur als ein Gedenken an die Opfer des Faschismus sehe, sondern auch als ein Gedenken an die mutigen Menschen, die im Widerstand und Kampf gegen den Faschismus gefallen sind. Ihr antifaschistischer Kampf sei wegweisend für uns und für alle nachfolgenden Generationen. In diesem Sinne: Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg!”